Mama, Buchautorin, Verlegerin und Gründerin – Linnie von Sky über das Schreiben, ihre Visionen, mentale Gesundheit und das Mama-Sein

Linnie von Sky ist Autorin, zweifach Mama und Geschäftsfrau. Sie hat ihre Wurzeln in Berlin, lebte lange Zeit in Kanada und ist nun zurück in der Hauptstadt. 

Sie schreibt ihre eigenen Kinderbücher über Immigration, Mobbing und Depression, hat ihren eigenen Verlag gegründet und als sie 2016 einen Brief an ihre Tochter Ella auf FB veröffentlichte, erscheint dieser kurze Zeit später bei der Huffington Post online. Für uns stand sie bereits mit ihrer jüngsten Tochter vor der Kamera und spricht heute mit uns über ihre Bücher, ihre Visionen, mentale Gesundheit und den Mama-Alltag.

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1. Mit unserer aktuellen AW19/20 Kollektion "WHAT ABOUT YOU?" wollen wir Vielfalt, Individualität sowie die Ecken und Kanten feiern, die jede/n von uns einzigartig machen: es sind unsere unterschiedlichen Wurzeln, persönlichen Geschichten und Erfahrungen die uns ausmachen. Liebe Linnie, was ist deine persönliche Geschichte - What about you?

Es sind so viele Geschichten, die sich zu meiner ganz persönlichen verweben. Ich bin ein Berliner Kind, wurde auf der Wiese der Waldbühne von meiner 18-jährigen Mama gestillt, während mein 21-jähriger Papa uns mit dem Schirm Schatten spendete und die Wegner „Kinder“ sang. Ich durfte von drei bis sechs frei im SO36 toben. Meine Reviermarker waren die Markthalle 9, der Bauernhof am Betanien Haus, die Mauer und der an die Naunynstrasse grenzende Mariannen Platz Hinterhof. Mein Papa war Student und meine Mama hat bereits damals (mit 23 und drei Töchtern) unseren Küchenstammtisch bewirtet, an dem sie alle von mir angeschleppten Kinder, entlaust, ernährt und ermutigt hat.
Menschen und deren Geschichten zu sammeln, zu feiern, sie miteinander zu vernetzen und in unserer Familie zu integrieren, habe ich von ihr vorgelebt bekommen. Als ich in der sechsten Klasse war, ist meine Familie ein Jahr in die Staaten ausgewandert. Danach kam ich auf die John F.- Kennedy Schule. Die Pubertät war nie meins. Ich war zu laut, zu bunt, zu unangepasst. Wollte immer gefallen und kam nie wirklich an. Ich wurde von meinen Freundinnen oft verlassen und nicht zu knapp gemobbt. Mit 18 zog ich nach Prenzlauer Berg. Es war die Zeit vom Cookies im Hinterhof der Backfabrik. Nebenbei wuppte ich mein Abi und arbeitete dann in der ein oder anderen Marketingagentur. 2003 bin ich mit meiner Familie nach Kanada ausgewandert um zu studieren. Es war dieser Moment in dem ich Berlin, aus der Ferne betrachtet, das erste mal richtig vermissen durfte. Ich hatte Heimweh und pochende Sehnsucht nach meiner Mutterstadt. 2006-2009 kam ich nach Hause. Leider nur deshalb, weil meine allerliebste, längste und beste Kindheitsfreundin an Krebs erkrankt war. Diese drei Jahren lebte ich im Smog. Ich begann zu schreiben, zu kiffen und zu zweifeln. Als sie davon flatterte, hatte ich mich längst verloren, verzettelt und verlaufen. Ich habe mich regelmäßig gefragt, warum ich bleiben durfte, da ich unserer Welt gefühlt nichts zu bieten hatte. Irgendwann zwischendrin, wurden meine ersten Texte öffentlich gelesen. Von Laura Lopez Castro und ihrer Zauberstimme. Leider mag sich mein Gehirn nicht ganz klar an diesen Moment erinnern. Ich war schon ganz schön weit weg und wiegte mich tief in meiner Depression. Meine Genesung verdanke ich meiner liebevollen Familie. Meine Eltern haben mich damals zu sich in den Bau(ch) zurück nach Kanada geholt. Dort hatte ich eine fantastische Therapeutin, lernte kurz darauf meinen Berliner Mann lieben und saß unverhofft schnell mit ihm zusammen glücklich und ganz ich selbst in Vancouver. Ich war 31 als ich mein erstes Kinderbuch schrieb und verlegte. 2014 und '15 kamen mein zweites und drittes Buch dazu. 2015 durfte ich, nach drei Jahren Übung, endlich Mama unserer ersten Tochter werden. Innerhalb ihrer ersten zwei Weltjahre trug uns das Heimweh nach Berliner Luft und Schnauze zurück in die Arme unserer Mutterstadt. Hier wiege ich mich jetzt und darf endlich meine Äste ausstrecken: In meiner Stadt in der meine Wurzeln tief unterm Kopfsteinpflaster verankert sind und sich vollsaugen. Heute mag ich mir die Reise nicht anders vorstellen. Alle Lebensecken, Kanten, Dellen und Gullies haben mich zu mir geführt und heute bin ich richtig gerne ich.

2. Du schreibst deine eigenen Kinderbücher. Deine aller erste Geschichte "Unsere kanadische Liebesgeschichte" hast du im Flieger auf drei Air-Canada-Luftkrankheitstaschen niedergeschrieben. War das ganz spontan oder hattest du schon länger Gedanken hierzu im Kopf?

Meine Geschichten fallen immer in einem Rutsch aus mir heraus. Ich gehe nicht lange mit ihnen schwanger. Sie sind plötzlich da. So war es auch mit „Our Canadian Love Story“. Deshalb wurde sie ja auch auf Kotztüten geschrieben. Meine kleinen Charaktere sind immer schon ganz sie selbst, wenn sie mein Gehirn verlassen: unvollkommen vollkommen und voll und ganz liebenswert.

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3. Mobbing, Einwanderung und psychische Gesundheit sind sehr wichtige aber gleichzeitig auch eher ungewöhnliche Themen für Kinderbüchern. Wie kamst du dazu, dich auf diese Themen zu konzentrieren?

Die Themen meiner Bücher, sind Themen, die mein eigenes Leben geprägt und gezeichnet haben. Es sind Themen zu denen wir als Erwachsene kaum guten Zugang finden. Einen Zugang mit dem Kinder ganz natürlich umgehen. Ich glaube, dass die frühe Thematisierung dieser Themen für unsere Kinder wertvoll ist. Wir Erwachsenen können bedeutend viel von unseren Kindern über den unvereitelten und instinktiven Umgang mit schwierigen Themen lernen.

4. Und wie setzt du diese Themen in deinen Büchern um, dass sie kinderfreundlich und leicht verständlich sind?

Meinen Bücher erzählen Geschichten von Tieren, die das eine oder andere erleben. Sie sind nicht plakativ oder predigend. Dennoch ermöglichen sie einen Gesprächseinstieg wo es sonst eventuell keinen gäbe. Im Idealfall ermutigen sie auch Erwachsene über ihre eigenen Geschichten zu sprechen und zu reflektieren.

5. Wie bringst du Themen wie Mobbing und mentale Gesundheit deinen eigenen Kindern nahe? Lest ihr gemeinsam deine Bücher?

Ich hoffe meinen Kindern all ihre Emotionen zu erlauben und sie zu ermutigen, diese auch auszudrücken und zu erleben. Uns scheint nicht immer die Sonne aus dem Allerwertesten und das Gras ist nicht immer auf unserer oder der anderen Seite grüner. Sie sehen mich Trauern und Weinen, Lachen und Leben. Sie sehen mich nackt und ehrlich. Wie in allen Familien gibt es auch bei uns Krankheit und Streit und Trennung und Trauer und Tod. Ich verstecke mich nicht. Ich spreche viel. Ich höre ihnen zu. Ich versuche ihnen Dinge zu erklären, aber bitte sie mindestens genauso oft um Erklärung. Als kürzlich mein Schwager, ihr Onkel, verstarb, war es der Umgang und die Äußerungen unserer ältesten Tochter, die immer wieder Sonne und Lachen in die tiefe Trauer gebracht haben. Auch im Umgang mit der Krebserkrankung unserer Mutter waren es unsere Kinder, die nie Berührungsängste oder verkorkste Gesprächsnot empfanden. Wenn unsere Tochter meine Bücher lesen mag, dann macht Papa das mit ihr. Aus mir noch unerforschten Gründen werde ich selbst ein wenig schüchtern, wenn es ums Vorlesen meiner Buchbabies geht.

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6. Inwiefern sind deine Bücher von deinen eigenen Lebenserfahrungen beeinflusst? 

Ich verliere mich häufig in der schwere dieses Lebens. Ich möchte unseren Kindern so viel von dem unvermeidlich noch zu fühlenden ersparen. Anstelle sie vor Gefühlen zu bewahren, die unausbleiblich sind, versuche ich ihnen Werkzeuge und den Mut zum Austausch zu schenken. Gefühle und Momente alleine zu (er)tragen macht sie viel schwerer, als sie sein müssen. Ich hätte mir meinen Mut zum Austausch früher gewünscht. Ich hoffe dazu ermutigen meine kleine Geschichten und mein Mut zur Offenheit.

7. Hast du Ratschläge und Tipps die du mit uns teilen möchtest?

Traut euch euch (mit) zu teilen. Es gibt kaum ein Gefühl, eine Not, ein Leid, das nur euch gehört oder (be)trifft. Sich auszutauschen und mitzuteilen hilft heilen. Ich erlebe immer wieder die Kraft, die mir Gespräche schenken.

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8. Verrätst du uns deine Zukunftspläne? Ist bereits ein neues Buch geplant?

Oiweh. Das ist glaube ich die Frage nach meiner Work Life Balance. Ich habe vier Buchprojekte in Arbeit. Drei Kinderbücher (bereits geschrieben und illustriert) und ein Buch von gesammelten Momentaufnahmen. Es geht ums Stillen (The Birds and The Bees Don't Do It - A Milky Tale), ums Hipstern (The American Sign Language Hipster Alphabet For Babes – A Coffee Table Book For Young Humans), um den Tod (The Rainbow Symphony für Tocoto Vintage) und ums Mamasein (Ich bin nicht ganz dicht, Mein Becken ohne Boden). Alle Buchbabies liegen seit drei Jahren verstaubt in der Ecke. Sie jaulen und heulen und quengeln und nörgeln um Aufmerksamkeit. Ich finde es fast unerträglich keine Zeit für sie zu finden und lebe mit ständigen Schuldgefühlen. Allerdings sind unsere kleinen, grossen und grossen kleinen Menschen in diesen Tagen und Nächten noch so auf mich angewiesen, dass ich weder am Tag noch in der Nacht Restreservern für Kreativarbeit habe. Erst recht nicht für den Verlagskram, die Bürokratie und die tausend Schritte zum Verlegen in denen ich unterirdisch bin. Seit August läuft die Eingewöhnung unserer jüngsten Tochter. Seit August war sie allerdings gerade mal zehn ganze Kitatage dort. Wir haben gerade wieder eine Krankheitswelle überstanden. Sie macht jetzt endlich Mittagsschlaf dort und meine Tage gehören erst seit einer gefühlten Sekunde wieder mir selbst. Da darf ich erstmal tief Ein- und Ausatmen. Mein Gehirn versteht es noch gar nicht, nicht alle zwei Minuten abgelenkt zu werden. Ich versuche mich aber zu sortieren. Am 29. November steht meine erste Lesung von „Sadly The Owl“ im Wunderhaus an. Ich werde von Eurico mit dem Cello begleitet und es geht gleich im Januar mit „The Saddest Party Ever“ weiter. Mein Sadly und ich möchten ganz offen über mentale Gesundheit sprechen und unser kreatives, buntes Leben mit unseren Erkrankungen mit lieben Menschen, live Musik, Lesungen und Podiumsgesprächen feiern. Wir freuen uns wenn ihr dabei seid.

9. Du bist nicht nur Autorin sondern hast auch Revulva Berlin gegründet, möchtest du uns etwas mehr darüber erzählen?

Ihr dürft gerne im Dezember in die live Event Podcast Premiere unserer Revulva reinhören. Vielleicht mag die Eine oder Andere von euch ja sogar live dabei sein. Wir basteln noch an unserem Revulvaabenteuer und ich erzähle euch gerne bald mehr.

10. Zusammen mit deiner Tochter hast du für uns vor der Kamera gestanden. Hierbei sind unter anderem super schöne Stillmotive entstanden und soweit wir wissen, gibt es auch ein Buchprojekt zum Thema Stillen. Kannst du hier schon mehr verraten? Was bedeutet Stillen für dich persönlich?

Meine kleine Henrietta Honigbiene ist eine kleine Angeberin. Sie ist Investigative Reporter für die BeeBeeSee: „Wir Bienen bestäuben Blüten und machen Honig und saufen Nektar“, prahlt sie. Dann wird sie vom lauten Schmatzen unter dem Pfingstrosenbusch gestört. Da muss sie gleich mal recherchieren wo das her kommt. Sie trifft Mamamaus, die gerade ihre kleinen Mäuschen stillt. „What in the bees knees are you doing?“ Mamamaus lächelt sanft: „I am nursing my babies. This is how we do it. If you think this is cool, you should see how the bats do it. They do it upside down“. Henri reist um die Erde und lernt „that the polar bears do it on floating ice and the whales do it under water“. Es ist ein Liebesbuch ans Stillen. Ich habe es so geliebt meine Babies an mich zu kuscheln und sie schmatzen zu hören. Ich bin so unendlich dankbar, dass es für mich und meine Schnuten so einfach war. 

 

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11. Wie lange hast du jeweils gestillt? 

Unsere ältere Tochter habe ich zwei Jahre und drei Monate gestillt. Wir haben die Nähe bis zuletzt genossen. Mit unserer Kleinsten hätte ich es ähnlich gemacht, aber sie hatte ganz eigene Pläne. Mit zehn Monaten wurde mein Nippel ausgespuckt, mein Busen zur Seite gedrückt und auf den Käse gezeigt. Vorbei war's. Ganz plötzlich und ganz uneinvernehmlich. Ich lebe noch immer eine absolute Stillnostalgie. Ihr habt mir ein riesiges Geschenk mit euren wunderschönen Fotos gemacht. Wirklich ganz besonders. Ich hatte ja keine Ahnung, dass unsere Stillzeit vom Einen auf den Anderen Tag ein geschlossenes Kapitel meines Lebens wird.

12.  Was bedeutet das Mama-Sein für dich? Und wie sieht ein gewöhnlicher Tag bei euch aus?

Alles. Es bedeutet mir Alles. Punkt. Klar sind auch bei mir die guten Momente so unfassbar gut und die schweren Momente so unfassbar schwer, aber ich bin mit jeder Faser meiner Selbst Mama. Einer der schönsten und bedeutendsten Liedertexte ist mir „Kinder“ von Bettina Wegner: „Sind so klare Augen, die noch alles sehn. Darf man nie verbinden, könn' sonst nichts mehr sehn“. Sie beschreibt die Offenheit von Kindern, wie sie hören, tasten, sprechen, sehen, fühlen. Das unsere Verantwortung darin liegt, diese Sinne und Sinnlichkeit zu schützen und zu beschützen. Unsere Kinder sind ganz und gar sie selbst. Wir dürfen sie lieben und beflügeln und sehen und hören. Vor allem dürfen wir darauf Vertrauen, dass sie uns mehr lehren werden, als wir ihnen. Ich hoffe ich nehme mir behutsame Zeit das auch so zu leben. Mamasein, ist mir so unendlich wertvoll. Wir beginnen jeden Morgen mit einem gemeinsamen Familienfrühstück. So richtig mit Hochzeitsporzellan, frischgebackenem Brot, Konfitüre und Kerzenschein. Ich denke dann liebevolle zwei Sekunden: „läuft!“. Spätestens beim Anziehen, Zähneputzen und in die tausend Warmlagen zwiebeln läuft mein „läuft!“ mir dann davon und springt vom Balkon. Tja und dann? Irgendwie treiben wir und kuscheln wir uns durch den Tag. Zuhause spielt sich eigentlich alles in der Küche ab. Wir kochen und backen und basteln und lesen und spielen und singen und tanzen. Zwischendurch gibt’s die üblichen Ausraster, Türenknaller, Nervenverdreher und was eben so anfällt wenn Mama und Papa es mit einer vier-jährigen und einer ein-einhalbjährigen zu tun haben. Unser größtes Glück ist es zwei ganz tolle Omas und unglaublich liebevolle Tanten und Onkels zu haben. Sie bringen einfach mehr Geduld für Dauerschleifenrollenspiele und Extrawürste mit.

13. Last but not least: Hast du ein mara mea Lieblingsteil aus der aktuellen Herbst/Winter Kollektion What about you"?

Ich kann mich gar nicht nur in ein Teil verlieben. Es sind eure Textilien, die mich in meine Kindheit zurückversetzen. Mein Opa ist Inder, mein Vater ist in Indien aufgewachsen und die schönsten Reisen meiner Jugend habe ich zwischen den Farben, Düften, Mustern und Textilien dieses unglaublichen Landes verbracht. mara mea kitzelt bei mir so unendlich intensive Erinnerungen hervor. Was ein Geschenk. Dafür danke ich euch.

Wir danken dir liebe Linnie für dieses wahnsinnig offene, emotionale und inspirierende Interview! Wir werden hoffentlich noch viel von dir hören, egal ob als Autorin, Mama oder Revulva Berlin Gründerin. 

Hier geht es zu Linnies Instagram Account, hier zu ihrer Webseite und hier zu Revulva Berlin.


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